Tiefgang-Gedanken zu Abtreibung & Totgeburt

Als das Interesse zu dieser Thematik aufkam, blickte ich tief in mich und hinterfragte mich, wie ich dazu stehe…

Vorerst möchte ich anmerken, dass ich selbst glücklicherweise noch nicht in der Lage war, mich für oder gegen eine Abtreibung entscheiden zu müssen. Allerdings hielt ich bereits einige Totgeborene in der Hand und durfte die Eltern während dieser schmerzlichen Zeit des Abschiednehmens begleiten. Diese beiden Bereiche – Abtreibung & Totgeburt – möchte ich heute behutsam thematisieren und miteinander verknüpfen. Ich habe größten Respekt vor den Menschen, die diese Entscheidung treffen müssen. Mein Leben lang begleiteten mich Schicksalsschläge und Situationen, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen. Daher würde ich keine Frau verurteilen, die sich für eine Abtreibung entscheidet. Gegenseitiger Respekt spielt im Umgang mit Menschen eine große Rolle für mich. Ich bin nie in Deinen Schuhen gelaufen und Du nicht in meinen. Niemand kann sich ein Urteil über die Lebenssituation des Gegenüber erlauben.

Auf meinem Plan steht derzeit kein Kinderwunsch. Für mich steht allerdings fest, wenn ich ungewollt schwanger werden würde, käme eine Abtreibung für mich nicht in Frage. Das sehe ich zumindest heute so. Vor einigen Jahren sah ich das anders. Denke ich an die Teenie-Zeit zurück, in der ich meine erste Beziehung aufbaute und durchlebte, muss ich leicht schmunzeln. Ich kenne kaum ein junges Mädchen, das zwischenzeitlich nicht in Panik geriet, wenn die Regelblutung ausblieb. Damals wäre es ein Horror für mich gewesen, ein Kind groß zuziehen, war ich doch selbst noch so geprägt davon, eine „verlorene“ Kindheit gehabt zu haben. Doch auch später, mit festem Einkommen und augenscheinlich gesunder Partnerschaft, wäre ich nicht dazu bereit gewesen. Zu groß wäre die Angst gewesen, meinem Kind nicht genug bieten zu können. Zu laut waren noch immer die Rufe nach Freiheit, ebenso wie die Tränen zu dick waren, weil noch so viele unbearbeitete Themen in mir ruhten, die phasenweise mein ganzes Leben so sehr beeinflussten, dass ich das Haus nicht verlassen konnte.

Und plötzlich stehst Du vor einer Entscheidung, die Dein ganzes Leben auf den Kopf stellt…

Und schon sind wir mittendrin im Thema:
Stell Dir vor, wir sprechen von einer jungen Frau, die im perfekten Alter wäre, ein Kind groß zuziehen.
Sie hat einen Partner und führt scheinbar ein geregeltes Leben. Dann, für sie der große Schock – schwanger! Auf einmal bricht eine Welt für sie zusammen, denn ein Kind ist nicht das, was auf ihrem Lebensplan steht.
Als Außenstehender ist leicht zu sagen, dass die Situation ganz klar ist und die Frau das Kind bekommen soll. Immerhin hat sie einen Partner, einen Job, vielleicht sogar ein Haus. Aber wer kann denn hinter die Fassade blicken? Bei einem Eisberg, der aus dem Wasser heraus ragt, sieht man auch nur die Eisspitze über der Wasseroberfläche. Und? Wächst ein Eisberg auf den Wellen? Nein!
Tausende von Gründen kann es geben, warum diese Frau nicht bereit für ein Kind ist. Sicherlich finde ich auch immer wichtig, den Partner oder den Erzeuger des Kindes in solch eine Entscheidung einzubeziehen. Das letzte Wort hat jedoch die Frau, in deren Körper dieses kleine Lebewesen heran wächst. Eine Seele, die sich genau diese Eltern aussuchte. Und genau hier entsteht auch mein innerer Konflikt.

Einerseits bin ich der tiefen Überzeugung, dass eine Seele nicht ohne bestimmten Grund genau diesen Eltern bzw. dieser Mutter zuflog. Jede Phase eines Lebens lässt eine neue Herausforderung entstehen, durch die inneres Wachstum erreicht werden kann. Ebenso wie Tiere sind meines Erachtens auch Kinder die besten Lehrer. Sie werden Dich immer wieder spiegeln, völlig unverblümt und offen. Sie werden Dich nicht nur glücklich machen und zum Lachen bringen, sondern sie werden Dich auch triggern und herausfordern. Andererseits kann ich so gut verstehen, wenn die Eltern bzw. die Mutter einfach noch nicht bereit ist, sich ihren Ängsten zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Obwohl die Liebe machtvoller ist, gibt es noch immer so viele Menschen, die von Schatten ummantelt und somit in sich gefangen sind. Auch ich zählte jahrelang dazu. Niemand konnte mir sagen, wie ich aus diesem Teufelsrad hinaus komme. Möglicherweise war ich auch noch nicht bereit, ohne dieses Teufelsrad zu leben. Woran hätte ich mich dann festhalten sollen? Vor allem, wie hätte ich in dieser Phase meines Lebens einem Kind Liebe schenken sollen, ohne, dass es Leid erfährt?

Verständnis für das Leid der Frau…

Wir Menschen sind alle so unterschiedlich und dementsprechend benötigt ein Jeder seine individuelle Zeitspanne, bis er erkennt, dass er in sich etwas ändern muss um glücklich zu werden. Daher finde ich es ebenso verantwortungsvoll, wenn sich für eine Abtreibung entschieden wird. Denn nur so werden die Kinder später nicht die Leidtragenden der eigenen Sorgen. Genau diese unbearbeiteten Schattenseiten sind es dann nämlich, die Gewalt und Ähnliches in Familien entstehen lässt.
Oftmals wird Abtreibung gleichgesetzt mit Mord. Zu dieser Aussage möchte ich mich nicht positionieren, denn ich finde so wichtig, dass die Menschheit weniger in Schwarz und Weiß denkt. So oft gibt es nämlich auch ein Grau. Du kennst jedoch meine Verinnerlichung zum Leben, wenn Du meinen Blog liest: Die Seelen leben weiter, der Körper ist „nur“ die Hülle, um auf der irdischen Welt leben zu können. Wie schon geschrieben – niemals einfach urteilen! Ich denke, ein Jeder hat genug eigene Baustellen zu bearbeiten und genau hier möchte ich an Folgendem anknüpfen:

Totgeburt..

Gerade schreibe ich jedoch nicht über die unverhoffte Nachricht, dass das Kind im Bauch nicht mehr lebt, sondern ich schreibe davon, wenn die Eltern vor der Entscheidung stehen, ein Leben mit behindertem Kind zu führen oder nicht. Normalerweise sind selbst gewählte Abtreibungen maximal bis zur 12. bzw. je nach Berechnung bis zur 14. Schwangerschaftswoche möglich. (Ja, in diesen Tagen schlägt das Herz des Kindes bereits und ab der 23. Woche wäre es schon außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig, aber wie gesagt – dies soll heute nicht die Diskussionsgrundlage sein.) Kommt die Situation auf, dass gesundheitliche Probleme seitens der Mutter oder des Kindes auftreten, ist ein Abbruch bis kurz vor Ende der Schwangerschaft möglich. Ich erschrak, als ich las, dass 90% der Betroffenen öffentlich von einer Fehlgeburt sprechen, obwohl die Abtreibung bewusst gewählt wurde – aus Angst, sie werden verurteilt. Ich möchte mir nicht ausmalen, welch seelische Belastung diese Wahl für alle Beteiligten mit sich bringt. Schlimm genug, dass die Eltern dann noch darüber nachdenken müssen, was sie der Öffentlichkeit sagen sollten. Entscheiden sie sich für ihr behindertes Kind, sehen sie es wahrscheinlich ein Leben lang leiden oder sind zumindest an intensive Pflege und Betreuung gebunden. Entscheiden sie sich für den Spätabbruch, quälen sie die Gewissensbisse. (Ich kenne jedoch auch Kinder mit Down-Syndrom beispielsweise, die ein fröhliches Leben führen!)

Aus der Sicht einer Bestatterin…

Ab einem Gewicht des Kindes von 500 Gramm spricht man von einer Totgeburt und in einigen Bundesländern gilt ab diesem Gewicht bereits die Bestattungspflicht. (In Deutschland gilt kein einheitliches Bestattungsgesetz, sondern die Gesetze sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt.) Ist also die unendlich schwere Wahl auf den Spätabbruch gefallen, bekommt das Kind durch den Mutter-Bauch mit einer Spritze eine Lösung ins Herz gespritzt. Daraufhin wird die Geburt eingeleitet und das kleine Wesen kommt bereits verstorben zur Welt.
Naja… und dann käme schon mein Part, den ich bereits recht häufig durchlebte. Nun stehe ich vor der riesigen Kühlzelle im Krankenhaus und hole ein kleines Menschlein heraus, das kaum größer als meine Hand ist. Mein kleinster Sarg ist 50cm groß – eigentlich schon zu groß. Manche Angehörige entscheiden sich auch für ein kleines Körbchen oder auch für eine Einäscherung und dementsprechend für eine kleine Urne. Heutzutage setzen sich bereits einige Vereine, Friedhöfe etc. für geeignete Ruhestätten für die sogenannten Schmetterlingskinder ein und diese Ruhestätten für die kleinen Wesen wachsen auch. Es gibt außerdem unzählige Hilfsstellen und Ansprechpartner. Doch so langsam werde ich mit dem Beitrag nun auch abschließen.

Ich habe noch eine große Bitte

Verschließe Dich nicht vor solchen Bereichen des Lebens! Sei dankbar, falls Du noch nicht in dieser Lage warst, aber bitte verurteile nicht, dass das Leben einfach manchmal andere Wege für Betroffene bereithält, als Du dir vorstellen kannst – egal welche Entscheidung dahinter steht. Dass diese Thematik enttabuisiert wird ist wichtig, damit die Leidtragenden nicht noch mit Scham und Schuld kämpfen müssen.
Bei Unklarheiten kannst Du mich wie immer gerne kontaktieren. Ich kann Dir auch einen sehr guten Film zu dieser Thematik empfehlen, ebenso wie Anlaufpunkte etc.

Ich wünsche Dir von Herzen, dass du solch eine Erfahrung niemals erleben musst und wenn doch, hab bitte keine Scheu Hilfe anzunehmen!

Namasté

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Theresa
Kurz und knapp:
Ich bin eine Mutmacher-Fee und biete tiergestützte Wegbegleitung im Bereich Tod- & Trauerverarbeitung, sowie tierheilpraktische Beratungen an. :-)

2 Kommentare

  • Auch ich musste diese Entscheidung noch nicht fällen – jedenfalls nicht direkt. Indirekt aber müsste sich jede Schwangere Frau damit auseinandersetzen, denn sobald die Schwangerschaft festgestellt wurde, gehen schon die Arzttermine los. Einige dieser Untersuchungen machen sicher Sinn, doch oft wird Ihnen unreflektiert zugestimmt. Denn bevor ich zB den Ultraschall durchführen lasse, muss ich mich ja schon auseinandersetzen damit, was tue ich, falls mein Kind behindert zur Welt kommen wird? Und nur, wenn ich mich entschliesse, kein behindertes Kind zur Welt zu bringen sondern in so einem Fall eine Abtreibung vornehmen zu lassen, macht so eine Untersuchung für mich auch Sinn. Dass all diese Untersuchungen Standart sind und Frauen schnell als verantwortungslos gelten, entscheiden Sie sich für eine weitgehend natürliche Form der Schwangerschaft, heisst für mich auch, dass ein Leben mit Einschränkungen (Hier Behinderungen) nicht gleichwertig ist. Doch wer entscheidet dies? Welches Leben ist schlussendlich lebenswert, welches nicht? Und wer KANN das überhaupt entscheiden? Wie im obigen Text schon gesagt, kann das nur die Frau selbst! Denn nur sie weiss um ihre Kräfte und wie sie ihren Lebensweg gestalten will.

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  • Liebe Petra,

    Danke für diese ausführliche Anmerkung, die ich zu 100% unterschreiben kann. Es gibt so viele Grauzonen, über die wir nachdenken sollten. Nicht alles, was von vielen Personen (vor allem von den Ärzten) für richtig empfunden wird, ist auch richtig. Oder gibt es überhaupt ein Richtig oder Falsch? Fragen über Fragen, die einfach offen bleiben – denn jeder Mensch sollte seine eigene Wahrheit leben und nur seiner eigenen Seele lauschen. Entscheidungen gehören zum Leben und nicht immer der einfache Weg, ist der Passende…

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